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Die “Lazarettstrecke” in Sachsenhausen

Was hat diese Aufnahme mit der Straßenbahn zu tun? Sie zeigt die letzten Reste des Güterbahnhofs Süd in Frankfurt-Sachsenhausen im August 2010. Nach der in Kürze erfolgenden Freistellung der Fläche von Eisenbahnbetriebszwecken wird die Stadt Frankfurt dort das Baurecht für ein neues Wohnquartier, das Holbeinviertel schaffen (vgl.http://www.stadtplanungsamt-frankfurt.de/planung_5485.html?psid=9163d312bc99bd1b05f3a03107354290 ).

Das absehbare Ende des Güerbahnhofs Frankfurt a.M.-Süd ist Anlass, an ein Kapitel Straßenbahngeschichte zu erinnern, dessen letzte Spuren mit dem Abriss der alten Güterschuppen im Jahre 2009/2010 untergegangen sind. Auch in der Literatur und in den Archiven sind die Hinweise auf dieses Kapitel rar: es geht um die provisorische Lazarettstrecke, die zu Beginn des Ersten Weltkrieges gebaut wurde.
 

Am 18.8.1914, schon wenige Tage nach Beginn der Kampfhandlungen, schrieb der Magistrat an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden:

Auf dem GOOGLE-EARTH-Luftbild ist die Lazarettstrecke rot, das Gütergleis grün eingetragen.

“Als Hauptausladungsstelle für die mit der Bahn in Frankfurt a/M ankommenden Verwundeten ist der Güterbahnhof Frankfurt a/M.-Süd bestimmt. Der Korpsgeneralarzt des XVIII. Armeekorps stellte aus diesem Anlass an die Stadt das Ersuchen, diesen Güterbahnhof -speziell den dortigen Güterschuppen- durch ein Gleis mit dem städtischen Strassenbahnnetz zu verbinden, um in besonderen Strassenbahnzügen die Verwundeten nach den über die ganze Stadt verteilten Lazaretten befördern zu können. Das Gleis (Doppelgleis) führt -wie aus dem beigefügten Lageplan ersichtlich- von dem genannten Güterschuppen durch die Güterzufahrtsstrasse und die Hedderichstraße nach der Schweizerstrasse, wo es an die dort bereits bestehenden Strassenbahngleise angeschlossen wird.

Das Anschlussgleis soll nur als Provisorium ausgeführt werden, das nach Beendigung des Krieges wieder beseitigt werden wird.Der Oberbau und die Oberleitung erhalten die gleiche Anordnung wie bei den bestehenden Strassenbahnlinien.Wegen der großen Dringlichkeit haben wir nach vorher eingeholter mündlicher Zustimmung des zuständigen technischen Dezernenten der hiesigen Eisenbahndirektion bereits mit der Ausführung begonnen.Wir bitten hiernach auf Grund des Gesetzes über die Kleinbahnen und Privatanschlussbahnen vom 28. Juli 1892 uns die Genehmigung zum Bau und Betrieb des geplanten Anschlussgleises für die Dauer des Krieges nachträglich erteilen zu wollen. Da es sich hier nur um eine provisorische Anlage handelt, dürfte von der Ausfertigung einer Genehmigungsurkunde abgesehen werden können.”

(Institut für Stadtgeschichte, Magistratsakten R1797, Bd. IV, Vorgang Nr. 39)

Die Bilder vom August 2010 zeigen die betroffenen Straßen in ihrem heutigen Zustand. Spuren, wie Wandrosetten oder Gleisreste sind nicht mehr vorhanden.

Rund vier Wochen nach Kriegsbeginn, noch vor Zustellung der Betriebsgenehmigung durch den Regierungspräsidenten in Wiesbaden, war das rund 700 m lange Doppelgleis mit Oberleitung fertig gestellt; die Kosten hatten 8.700 Mark betragen (vgl. Jens Freese, Vom Dampfwagen zur S-Bahn – 144 Jahre Eisenbahn in Ffm-Sachsenhausen, Aachen 1990, S. 43 ff.).
Für den Transport der Verwundeten wurden ehemalige Pferdebahnwagen umgebaut. Die offenen Seiten waren verschalt worden, jeder Wagen konnte acht Tragen aufnehmen. Die Triebwagen, die bis zu vier solcher Beiwagen zogen, trugen anstelle der Liniennummer ein Rotes Kreuz im Zielschild. Schon wenige Tage nach Beginn der Kampfhandlungen in Belgien (6.8.1914) und schon vor Fertigstellung der Lazarettstrecke kamen am 19.8.1914 im Personenbahnhof Frankfurt-Süd etwa 700 Leichtverletzte an, die von dort zu Fuß oder mit der Straßenbahn in die Lazarette im Stadtgebiet gelangten (vgl. Freese, a.a.O.).

 

Dem in Frankfurt am Main stationierten 18. Armeekorps unterstand das Reserve-Lazarett X, das schon zu Beginn des Ersten Weltkrieges zahlreiche Lazarette unterhielt, in denen schließlich über 8.000 Soldaten versorgt werden konnten. Der Höchststand war am 20. November 1918 mit 122 Lazaretten und einer Kapazität von 13.959 Betten erreicht. Etwa 60% der Lazarettinsassen hatten sich in den Kämpfen an der Westfront Schussverletzungen und Knochenbrüche zugezogen. Die meisten der verwundeten Soldaten starben im Oktober und November 1918 (vgl. Harald Fester in: http://www.frankfurter-hauptfriedhof.de, /Kriegsgräber/Kriegsgräber(2),“ Gräberfeld der deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges“).
Große Lazarette waren z.B. das Volksbildungsheim am Eschenheimer Tor, das während des Krieges ausschließlich als Lazarett genutzt wurde; aber auch zahlreiche Vereinsheime, Hotels, Pensionen und Gasthöfe, wie z.B. der Gasthof Deutscher Hof in Rödelheim (vgl. Postkarte vom 8.11.1915 an den Musketier L. Knöß im Res.-Laz. Deutscher Hof in Frankfurt /M. Rödelheim, kurz vorher erreichte den Musketier Knöß eine Postkarte in einem Reserve-Lazarett in der Neuen Mainzer Straße; in:

http://lueben-damals.de/dokumente/1915knoess.html .
Als Folge des Kriegsbedingten Mangels an Transportkapazitäten war zur Verteilung der knappen Lebensmittel zunehmend die städtische Straßenbahn herangezogen worden. Am 27 November 1917 beantragte der Magistrat deshalb bei der Aufsichtsbehörde die Erweiterung der provisorischen Gleisanlagen am Güterbahnhof Süd:

“B e t r i f f t: Herstellung eines Strassenbahn-Gütergleises auf dem Güterbahnhof Frankfurt a/M.-Süd.

Wir beabsichtigen für die Umladung und Beförderung der auf dem Güterbahnhof Frankfurt a/m.-Süd für das hiesige Lebensmittelamt ankommenden Güter ein Strassenbahngleis nach Massgabe der beigefügten Pläne, Blatt 1 und 2, herzustellen. Das Gleis soll vom bestehenden, am 26. August 1914 Pr. I 5 E 555 genehmigten Gleisen für Verwundetentransport abgezweigt und in 3,50 m Abstand neben dem mit a-b bezeichneten Freiladegleis angeordnet werden, sodass die Güter bequem übergeladen werden können- Das neue Gleis wird an seinem hinteren Ende nochmals mit den Verwundetengleisen verbunden, um das Umsetzen der Motorwagen zu ermöglichen. Die provisorische Anlage soll dazu dienen, die weitere Aufnahme des Gütertransportes durch die Straßenbahn zu ermöglichen.”

(Institut für Stadtgeschichte, Magistratsakten R1707, Bd. IV, Vorgang Nr. 50, die erwähnten Pläne liegen leider nicht vor, d. Verf.)

Ob dieses Gütergleis tatsächlich gebaut wurde, ist den Archivalien nicht zu entnehmen. Entsprechende Strassenbahn-Gütergleise sind auch auch an den Bahnhöfen Frankfurt a/M-Ost, und -West beantragt worden..

© Matthias Hoffmann

09/2010

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